Im Jahr 2002 erhielten wir Kenntnis von einer unvollendeten Schleusenanlage bei Kreypau in Sachsen Anhalt. Es folgten ein erster Besuch sowie weitere Nachforschungen, die wir auf unserer Hauptseite ostwall.com veröffentlicht haben, siehe hier.

 

Der nachfolgende Text, die Fotos sowie die Grafiken wurden uns freundlicherweise von Dirk Becker zur Verfügung gestellt, der das erste umfassende Werk zum Bau des Elster-Saale-Kanals veröffentlicht hat. Erhältlich ist das Buch hier: "Der Südflügel des Mittellandkanals"

 

Kontakt: kanalratte@gmx.com oder info@ostwall.com

 

 

 

 

 

 

 

 

Elster-Saale-Kanal

 

 

Schon am 16. November 1920 wurde in einem Regierungsabkommen der Bau des, hier als "Südflügel des Mittellandkanals" bezeichneten, Elster-Saale-Kanals festgelegt. Er bildet das südliche Schlussstück des gesamten Projektes. In einem am 24. Juli 1924 abgeschlossenen Staatsvertrag zur Vollendung des Mittellandkanals wurden ausdrücklich der gleichzeitige Baubeginn und die Fertigstellung dieses Südflügels mit dem Mittellandkanal festgelegt. Die ursprüngliche Fertigstellung des Südflügels (einschließlich des Saaleausbaus und des Elster-Saale-Kanals) war für 1940 vorgesehen.

 

Entgegen anfänglichen Planungen, den Kanal im Flusstal der Elster und Luppe zu trassieren, wurde schließlich eine Hanglage etwas südlicher gewählt. Neben einer besseren Trassierung mit weniger Krümmungen konnte dadurch auch erreicht werden, dass der Kanalspiegel (Oberhaltung) niveaugleich mit dem Elsterniveau liegt. Somit sind im Bereich des Hafens Leipzig und in der Verbindung zum Karl-Heine-Kanal keine weiteren Schleusen notwendig.

Der Kanal beginnt bei Kreypau in offener Verbindung mit der Saale auf 84,50 m über NN.

Die untere Haltung verläuft im Saaletal leicht Nordostwärts und erreicht nach 1500 Meter die Schleusentreppe von Wüsteneutzsch. Mit zwei Schachtschleusen (Hub je 11 Meter) und einer 360 Meter langen Zwischenhaltung wird die obere Kanalhaltung mit 106,75 m über NN erreicht. Der nun folgende Kanal liegt im Wesentlichen im Einschnitt. Lediglich an drei Stellen ist die Schüttung eines Dammes mit einer Höhe von 9, 11 und 14 Metern Höhe notwendig (Günthersdorfer Damm, Dölziger Damm, Zschampert-Damm). Bei dem Bau der Kanals wurden insgesamt rund 5 Mill. m³ Erdmassen bewegt. Brauchbares Aushubmaterial wurde beim Bau der drei Dämme wieder verwendet. Unbrauchbares Aushubmaterial mit rund 600.000 m³ wurde in einer seitlichen Ablagerung abgekippt. Zusätzlich wurden rund 900.000 m³ Kies aus anderen Aushüben verbaut.

 

Der  Elster-Saale-Kanal wurde wie der Mittellandkanal für die neuen 1000-Tonnen-Schiffe ausgebaut. Der Kanal erhielt einen muldenförmigen Querschnitt und ist mit einer Breite von 38 Meter in der Auftragstrecke und von 36 Metern in den Einschnittstrecken für einen zweischiffigen Betrieb ausgelegt. Zwei 1000-Tonnen-Schiffe können sich problemlos an jeder Stelle des Kanals begegnen. In den Kanalkrümmungen wurden Querschnittserweiterungen vorgesehen, die zwischen 2 Metern bei einem Halbmesser r = 500m und Null bei einem Halbmesser r = 2000 m  liegen. Der normale Wasserstand im Kanal liegt bei 106,75 Meter über normal Null. Drei Meter höher auf 109,75 m ü NN liegt ein Treidelweg mit vier Metern Breite, der beidseitig am gesamten Kanal erstellt wurde. Unter den Brücken ist die Breite des Treidelweges verringert.

Wo der Wasserspiegel des Kanals über dem Grundwasserspiegel des Geländes liegt, wurde der Kanal durch eine Tonschicht von 0,40 m bis 0,60 m abgedichtet. Darüber wurde eine Kiesschicht mit einer Stärke von 0,5 m bis 1,0 m aufgebracht.

 

Auf der gesamten Kanallänge waren 12 Straßenbrücken und einen Eisenbahnbrücke notwendig.  Ebenfalls waren zwei Straßenunterführungen unter dem Dölziger Damm notwendig.  Die Brücken haben eine Spannweite von 44 Metern. Kreuzt eine Brücke den Kanal in spitzem Winkel, so wurde die Spannweite (bis 74,10 Meter) entsprechend verlängert.  Die lichte Durchfahrthöhe unter den Brücken beträgt bei normalem Wasserstand in Brückenmitte 4,50 Meter und nimmt zu den Widerlagern um 20 cm ab.

 

Für die Aufrechterhaltung der Vorflut für die kreuzenden Wasserläufe sind fünf Düker und drei Bachdurchlässe erforderlich und wurden bis Baustopp 1943 auch alle erstellt.

 

Damit im Falle einer Havarie oder für Wartungsarbeiten die drei Dämme vom Kanal abgeriegelt werden können, wurden zwei Sperrtore errichtet. Diese wurden als Hubtore ausgeführt, die von Fachwerkgerüsten getragen werden. Die abgeriegelte Kanallänge von etwa 6,7 Km kann durch einen Entlastungsanlage im Zschampert-Damm geleert werden. Zwei Stahlheber mit einer Leistung von je 10 m³/sek. ermöglichen eine Leerung des Kanalabschnittes innerhalb von 17 Stunden.

 

 

Am 11. Juli 1933 begannen bei Burghausen die Arbeiten am Kanal. Bis zu 2000 Arbeitskräfte, die im Rahmen einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme (Reichsarbeitsdienst) vorwiegend aus Arbeitslosen angeworben wurden, waren an der Baustelle, die 1934 eine der größten im Deutschen Reich war, eingesetzt. Bis 1936 gingen die Arbeiten zügig voran, der Rüstungsbedingte Arbeitskräftemangel konnte durch den Einsatz schwerer Baumaschinen, wie Eimerkettenbagger und Kratzbänder, kompensiert werden. Die beiden Sperrtore wurden im Jahr 1937 fertig gestellt. In den folgenden Jahren wurde jedoch die Intensität der Arbeiten, zu Gunsten einer beschleunigten Fertigstellung des für den Transport wichtiger Rüstungsgüter benötigten Mittellandkanals, immer weiter verringert. Mit den Arbeiten an einer Doppelschleuse bei Wüsteneutzsch wurde als letztes begonnen. Die sich mit Kriegsbeginn im September 1939 immer weiter verzögernden Arbeiten an den beiden Schleusen und am Kanal wurden schließlich im Winter 1942/43 ganz eingestellt. Von den geplanten 19 Kilometern wurden 11,3 Kilometer fertig gestellt und mit Wasser gefüllt, weitere 5,5 km bereits teilweise ausgeschachtet. Der Kanal endet in der Nähe von Günthersdorf (Sachsen-Anhalt). Der Bau der oberen Schachtschleuse wurde im Rohbauzustand abgebrochen (Schleuse zu ca.75 % fertig gestellt). Für die untere Schleuse war schon die Baugrube ausgehoben. In südlicher Ortsnähe von Kreypau wurde mit dem Bau einer Straßenbrücke über den zukünftigen Kanal begonnen. Beide Widerlager wurden erstellt, und auch die eigentliche Brücke befand sich schon an Ort und Stelle. Mit dem Aushub für den Kanal wurde noch nicht begonnen, so dass diese Brücke einen trockenen Erdbereich überspannte. Diese  Brücke wurde nach 1945 als Reparationsleistung demontiert und in Richtung Sowjetunion abtransportiert.

 

Die beiden vorhandenen Sperrtore bei Günthersdorf und Burghausen wurden in den 50er Jahren demontiert. Eines dieser Tore wurde beim Oder-Havel-Kanal wieder verwendet.

 

geplanter Verlauf des Kanals

 

 

Schleusentreppe Wüsteneutzsch

 

Die Schleusentreppe in Wüsteneutzsch besteht aus zwei Schachtschleusen mit  je 11 Metern Gefälle. Die Schleusenkammer wurde im Felsen gegründet und als Gewichtsmauern aus Beton ausgeführt. Zwischen beiden Schleusen liegt eine Zwischenhaltung mit etwa 360 Metern Länge. Jede Schleusenkammer ist 85 Meter Lang und 12 Meter breit. Somit konnten die 1000-Tonnen-Schiffe problemlos geschleust werden. Beide Schleusen waren als Sparschleusen konzipiert, da der Kanal über keinen ausreichenden natürlichen Zufluss verfügt. Somit konnte das Verlustwasser beim Schleusen auf 50 % begrenzt werden.

Bei der Planung der Schleusen wurden die Füll- und Entleereinrichtungen umfangreichen Untersuchungen unterzogen. Ziel war eine geringe Schleusenzeit bei gleichzeitiger großer Leistungsfähigkeit.  Ebenso sollten auch die Baukosten minimiert werden. Die theoretischen Berechnungen wurden durch Modell-versuche an der Versuchsanstalt für Wasser und Schiffbau in Berlin ergänzt. Beide Schleusen sollten Hubtore ohne Umläufe

erhalten. Das Füllen der Kammer sollte anfänglich aus den beiden Sparbecken geschehen, die Restfüllung durch geringes Anheben des Tores im Oberhaupt mit Wasser aus der Ober- bzw. Zwischenhaltung. Das Entleeren der Kammer sollte durch Wassereinleitung in die Sparbecken und anschließend durch direkten Abfluss des Wassers durch anheben des unteren Schleusentores erfolgen. Nur bei Außerbetriebsetzung der Sparbecken sollte das Wasser durch im Untertor eingebaute Schütze entleert werden. Die Schleusenkammer sollte durch Zylinderschütze von den Sparkammern getrennt werden. Beim Füllen der Schleusenkammer fließt das Wasser nicht direkt aus großer Höhe in die Schleuse, sondern wird durch Flutkanäle im  Bereich des oberen Tores in die Kammer eingeleitet. Sowohl das Wasser aus den Sparbecken als auch das Wasser aus der oberen Haltung nutzt diesen Weg. Zweck dieser Art der Einleitung ist ein möglichst ruhiges Wasser in der Schleusenkammer beim füllen und entleeren. Auch das Füllen der Sparbecken geschieht durch dieses Kanalsystem im Betonbau des Oberdrempels.

 

Beide Schachtschleusen sind mit einer Nutzlänge von 85 Metern und einer Breite von 12 Metern nur für die Schleusung eines 1000-Tonnen-Schiffes konzipiert. Der Schlepper sollte nicht mit geschleust werden, es war jeweils im Unter- bzw. Oberhafen ein Schlepperwechsel vorgesehen. In der Mittelhaltung sollten die Schiffe von einer Seilbetriebenen Treidelanlage gezogen werden. Um im Bereich der Vorhäfen ein problemloses Wenden der Schlepper zu ermöglichen, waren an beiden Vorhäfen Wendestellen vorgesehen.

 

Gleichzeitig mit dem Bau der Schleusentreppe war auch die Errichtung einer Pumpanlage am unteren Schleusenkanal vorgesehen. Mittels einer Druckrohrleitung sollte Wasser aus der unteren (Saale) Haltung in die obere (Kanal) Haltung gepumpt werden.  Das sollte hauptsächlich in den Nachtstunden erfolgen, um den günstigen Nachtstrom zu nutzen.

 

Es gab bei den Planungen am Kanal auch Überlegungen,  an Stelle der Schleusentreppe ein Schiffshebewerk mit 22 Meter Hub zu bauen. Dieses Hebewerk hätte einen wesentlich geringeren Wasserverbrauch gehabt und die Leistungsfähigkeit wäre größer gewesen. Berechnungen haben ergeben, dass ein Hebewerk jedoch etwa drei Millionen Reichsmark teurer wäre in den Baukosten. Da die Leistung der Schleusentreppe jedoch für den zu erwartenden Verkehr ausreichend war und die Kapazität des Hebewerkes wohl nie voll ausgenutzt werden würde, fiel die Entscheidung zu Gunsten der Schleusentreppe.

 

 


Schleusentreppe bei Wüsteneutzsch
Draufsicht auf die untere Schleuse

 

Für Infos zu den Fotos, diese mit dem Mauspfeil berühren. Klick auf die Fotos für die Großansicht.



     


     


     
     

     

 

Fotos zum Elster-Saale-Kanal auf ostwall.com

 

gratis Counter by GOWEB
Gratis Counter by GOWEB